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PERIL || Layouts

Das Frühstück der Champions

Magda hat mir schon das Frühstück rausgestellt. Ein Glas Sekt, eine Line Speed und zwei Lucky Pills. Sie trägt noch einen Jogginganzug, die Haare hastig zu einem Pferdeschwanz gefaßt. Ihre Wangenknochen sind so klar, rasiermesserscharf, kein Gramm Fett überblendete sie. „ Mach schon!“ „ Nein.“ Sage ich. Nehme das Filofax raus, schreibe meine Statistik für heute, trinke dabei schon mal den Sekt, um wach zu werden, 78,9 Kcal. Body Mass Index 15. „ Du bist nicht Hemingway, du bist Twiggy. Nimm schon.“ Also doch Speed und die Lucky Pills, heute ist ein langer Tag. Und ich bin müde. Ein Shooting für das Cover eines Modemagazins, Deutschland, vielleicht auch für die Ausgabe in Frankreich. Die USA sind noch weit, dafür bin ich zu fett. Die Heizung bollert auf Stufe drei Wärme in die Küche, alles ist dort steril weiß. Magda zittert vor Kälte. Draußen fahren Lastwagen vorbei. „ Soll ich die Heizung hochdrehen, Magda?“ „ Das wäre total lieb. Und mach das Fenster zu, die Geräusche nerven kolossal.“ Von draußen knallen Technobässe gegen die Scheibe, ein 3er BMW. Ich schließe das Fenster. Die Backsteine des 8-stöckigen Hauses verdecken jede Sicht, nur kleine Fenster, kaum Menschen, unten eine kleine Nebenstraße. Müll überall. Magdas Stimme. „ Wie war das Dinée mit den Kunden? Hat Pierre dich dem Photographen aus New York vorgestellt? Johansson? Der macht doch für das Sportmagazin aus den USA eine Photostrecke mit Bikinis.“ Magda setzt sich dann neben mich, wiegt schon einmal die Portionen Feldsalat aus, exakt 300 Gramm. Ich notiere in meine Statistik: 300 Gramm, 43,2 kcal, 1,2 Gramm Fett, dazu 30 Kcal für den Essig. „ Pierre hat mich vorgestellt. Wird aber nichts. Johansson hat meine Setcard geblättert, die Katalogphotos und die Photostrecke für Sisley. Bei meinen Fettringen am Bauch ginge es nur mit Panzertape, und bei Bikiniphotos in der Karibik bräuchte ich auch einen Arsch. Und da geht nichts mehr mit Tape. Und Silikonkissen würde er nicht machen.“ Ich sortiere die Nahrungsmittelergänzungen in drei Haufen, Biotin, kein Fett, dazu Vitamine und Mineralstoffe. „ Und sonst?“ Magda schließt die Augen. Magda ist schon viel länger dabei, sieben Jahre. Kam aus England, Vorfahren sind aus Rußland, geflohen 1917. Riesige Augen, weil das Gesicht so schmal ist. Magdas Arme sind geschwungen, keine Karotten, keine Säulen. Ihre Hände sind immer wieder in Werbespots, so klar, so fein. Nur Probleme mit dem Biotin und Lanugohaar am Unterarm. BMI 16. „ Wie immer. Pierre hat zwei neue russische Mädchen dabei gehabt, und eine Brasilianerin. Die hat den Bikinijob. Weil sie den Spirit der Karibik hat, die Hälfte kostet. Keine Zicken, kein Temperament. Aber einen tollen Arsch, für jedermann.“ Aus dem Bad kommt Hannah. Sie hat sich den Job kaputt gemacht. SVV. Niemand mag Schnitte an einem Modell, nicht mal am Innenschenkel. Sie redet, spricht, träumt, dafür sind Modells nicht da. „ Morgen!“ Ihre Hände zittern, sie schlingt die Arme um ihr weißes Top. Ein Scheißkatalog Mensch hat ihr die Haare verschneiden lassen, sie sieht aus wie ein Vivienne Westwoodmodell, nur dünner. Ein wenig verloren, aber das macht nichts. Kommt gut auf Photos. BMI 15. „ Morgen, Hannah. Und was hast du heute für einen Job, Helena, wieder Katalogscheiße oder Photostrecke?“ Hannah macht die Kaffeemaschine an. Magda macht ihr etwas Sekt. Ich schiebe ihr die Waage rüber. Sie sortiert Müsli, 352 Kcal, 7,2 Gramm Fett. Mit Wasser. Milch geht gar nicht. „ Photostrecke, Modemagazin.“ Sage ich. Hannah kriegt die Tränen. Pierre gibt ihr noch eine Woche, dann ist sie aus der Wohnung raus. Unproduktives Fleisch hat er gesagt, unverkäuflich. Magda legt ihr den Arm um die Schulter. „ Hannah, ich habe einen Kataloger an der Hand...“ Magda hat immer einen an der Hand, mindestens uns. Sie macht noch Schauen, manchmal Katalog und Hände. Das Business ist hart. Härter als das, was man in den Mund nimmt, um Jobs zu kriegen. „ Machs nicht, Hannah. Du kriegst dann auch nicht mehr Jobs. Du hast nur einem widerlichen Kerl einen geblasen.“ Ich sehe sie an, Hannah sieht weg, betrachtet den laufenden Kaffee, den Süßstoff. „ Ich hab was, Hannah, dann ist es nicht so schlimm. Ein paar Lucky Pills, dann geht das.“ Ich sage nichts mehr. Sie wird es tun, wie die russischen Mädels es tun. Kalorienreduzierte Genetik. Aber nicht schlucken, weil immer noch zu viele Kalorien. Ich zerschnetzele den Salat, dreißig Bissen pro Blatt. „ Helena, brauchst du was, für deine Strecke? Ein bißchen Kokain, Speed, Lucky Pills.“ Ich schüttele den Kopf, während Hannah einen Kaffee trinkt, stehe auf. „ Ich will nicht mehr.“ Als ich zum Vorratsschrank gehe, ist mir ganz schwindelig. Bei den Töpfen liegen die Klistiers. Ich muß mich am Schrank festhalten. Der Blutdruck. Nicht genug Sekt. Magda stopft den Salat in sich hinein, dreißig Mal kauen. Sie hat die dichten Wimpern, die sie mir ankleben. Ich warte, der Blutdruck ist da, verschwinde mit dem Klistier im Bad und mache mir einen Einlauf.

Das Studio befindet sich am Rande von Paris, einem der Vororte. Ich sitze in der Maske, zwei Stunden sind vorbei. Sekt prickelt neben mir im Glas. Aus dem Nebenraum höre ich die Techniker, die schon alles aufbauen. Etwas Nerz flackert über meine Wimpern, das Haar ist hochgesteckt, eine Strähne fällt raus. Zu viele Haare in der Bürste, aber so ist das mit Magersucht, Pro Ana. Eine fette Kuh bastelt mir ein Parfümgesicht, Farben pastell wie im Weichzeichner, keine Falten, keine Schatten. Bestimmt BMI 22. Der Photograph kommt rein, Henry, modisch, unschwul. Heufarbene Haare, falscher Teint, dazu dunkle Kleidung. Braun ist das neue Schwarz. Hab vor Jahren ein paar Mal mit ihm gearbeitet. Küßchen rechts, links, wieder rechts. Neben mir eine Russin, ein Fall fürs Retuschieren am Computer. Pro Ana ist ein Lifestyle. Pro Misa ist es nicht, zumindest für Modells. Bulimie macht die Zähne bräunlich. BMI 15.

Neue Einstellung, neue Location: Ein champagnerfarbenes Kleid in einem Garten. Die Techniker starren auf den durchsichtigen Stoff, das Tape macht einen prima Busen. Viel Licht, die Russin schwitzt schon fast fünf Stunden, ich habe erst ein paar Notschüsse. Ich nippe an meinem Kaffee, sofort korrigiert die fette Kuh meinen Lippenstift. Die Beine schmerzen vom Stehen, aber in dem Kleid darf ich mich nicht setzen. Zweimal hat das Miststück sich schon vom Büffet genommen. 700 Kcal, 91 Gramm Fett. Die Russin lächelt, Scheiß Zähne, schwache Beine. Aber mich fragt niemand. Mein Gesicht will der Kunde vielleicht nicht. Und der steht auf die Russin. Im Armani steht er hinten beim Assistenten. Läßt sich alles erklären, als wäre er doof. „ Lächle für mich.“ Henry schleicht durch den Garten, spannt aus seiner Kamera. Die Russin lächelt nicht mehr so leicht wie am Anfang. Ihre Pose muß bald ihre Waden sprengen, den Bauch. Die Digitalkamera macht ein paar Probeschüsse, dirty shots. Ich suche einen Kaugummi raus, 1 Kcal, stillt den Hunger. Die unförmigen Beine der Russin fangen an zu zittern. Sie macht einen Schritt, und ist raus. „ Helena.“ Mein Zeichen. Die Assistentin drückt mir Lucky Pills in die Hand, Sekt. Henry macht das nicht mehr selber. Zu viel Ärger. Danach zieht mir das Miststück die Lippen nach. Ein leichtes Brennen zwischen den Augen, das Licht ist gnadenlos, die Garderobe zieht das Kleid zurecht. Ich friere ein Lächeln ein, neige den Kopf leicht, Brust raus. Es ist kalt, kein Eis, die Brustwarzen stehen von alleine. „ Die Strähne.“ Das Miststück fuchtelt in meinem Gesicht herum. „ Linkes Bein etwas nach hinten, etwas mehr Tape am Bauch. Kaugummi.“ Mit der Polaroid prüft Henry das Licht erneut. Wedelt das Bild trocken, während sein Mund lächelt. Ich gönne der dicken Kuh den Kaugummi. „ Wie lange bist du schon dabei, drei Jahre?“ „ Ja.“ Henry ist angenehm, gute Stimme. Hat immer eine Vorstellung, keine langen Experimente. „ Du hast ein Kilo zuviel am Bauch. Tue was dran, sonst bist du das nächste Mal raus.“ Ich sage nichts, nicke. Ein Modell spricht nicht mit, nicht zuviel, vor allem beim Gewicht.. BMI 15. Reicht nicht.

Zwei Stunden, drei Posen, vier Kleider, neue Location draußen. Henry ist mit den girlieshots am Ende. Die Russin steht hinten beim Kunden, ihre Hand liegt auf seiner, Ehering. Vielleicht sechzehn, wahrscheinlich jünger. Kaum Englisch, kein Französisch. Er versteht trotzdem, lacht. Das ist universell. Henry hat die richtige Kamera, krabbelt über den ausgelegten Boden. Mein Rücken bricht fast, halb gedrehte Position nach hinten, Bein abgewinkelt, Kopf gesenkt. Dreimal Eiswürfel, einmal Speed. „ Bleib so, nur noch ein paar Shots.“ Ballett ist gut für Schaufensterpuppen, Anorexie nicht. Ich konzentriere mich, versuche nicht zu wackeln. Der Film rast durch, ich sehe an Henry vorbei. „ Pause.“ Ohne Kleid geht es für mich aufs mobile Klo. Die Techniken sehen mich an. Die Russin verschwindet auch, aber mit dem Kunden. Noch ein paar girl on girl shots, vorsorglich, falls zwei Mädchen besser sind, als nur eine. Dann kann ich gehen, er braucht mich nicht mehr. Der Kunde will die Russin. Auch wenn er sie schon hatte. Wer keinen Namen hat, hat nur ein Gesicht.

Es dämmert, als ich in die Metro hinabsteige. Kacheln, Stationen, Menschengesichter hasten vorbei, nichts bleibt lange, außer dem Gestank. Parfüm, Fett, und Talg. Manchmal sieht mich einer länger an, wie einen Unfall. Überall braune Taschen, kurze Röcke, Baggypants. Manchmal Einkaufstüten. Meine Nase fängt an zu bluten. Das macht nichts, habe ich öfter. Eine alte Frau bleibt wirklich stehen, Falten wie ein Croissant, einen Restkörper ohne BMI. Ein Musikschüler sieht mich an, seine Geige liegt auf dem Boden. Volle Lippen, aber krummes Gesicht. „ Ist schon gut.“ Halte das Taschentuch vor die Nase, es hört nicht auf. Dann steige ich aus.

Hannah hat Abendessen gemacht, Kartoffeln, kein Salz. 175 Kcal, 0,3 Gramm Fett. Salz ist gar nicht gut, schlecht für den Körper. Daneben für ihren Freund noch etwas Pasta mit Huhn, Sahne. Mein Kopf schmerzt, ich versuche es zu rechnen, sehe in meiner Statistik nach. Pro 100 Gramm Nudelgericht mit Fleisch 219 Kcal, 10,2 Gramm Fett mindestens, ohne Sahne. Sahne 205 Kcal und 20 Gramm Fett pro 100 Gramm. Skandalös. Magda ist nicht da, ich frage Hannah. „ Wo ist Magda? Hat Pierre doch noch angerufen? Hat sie wieder einen Job und hört auf rumzunörgeln?“ Ich lasse meine Tasche neben die Garderobe fallen, überall stehen Schuhe. Ich setze mich in die Küche, versuche die Blutung zu stillen. „ Ein paar Freunde haben angerufen, da ist irgend etwas im St. Etienne. Magda hat die Brüste festgeschnallt, die Silikonschalen reingetan und ist auf Sicht. Vielleicht kommt sie über einen Artikel oder ein Photo wieder auf Job.“ Das dritte Taschentuch ist durchgeblutet. Langsam wird mir richtig schwindelig. „ Machs nicht, Hannah.“ Ich muß es sagen, für mich. Weil mir es niemand gesagt hat. Drei Jahre bin ich nur ein Gesicht, in das man alles reinmalen kann. Für einen Namen reicht es nicht. Dazu fehlen mir Arsch und mehr Titten. Und ein Look, etwas besonderes, das habe ich nicht. Sie hat es, und SVV. „ Warum nicht, Helena, du machst es auch, oder? Wie oft hast du es schon gemacht, he? Du kennst das Business doch genau wie ich. Ich kann sonst nach Hause fahren, zu meinen Eltern, meinem Freund, weil ich es nicht geschafft habe.“ Hannah streicht die strubbelige Frisur zurecht, sticht mit dem Messer die Kartoffeln an. Das Messer bleibt lange in ihrer Hand. „ Fahr nach Hause.“ Dann sage ich nichts mehr, verziehe mich ins Bad. Kaltes Wasser stoppt Nasenbluten.

Rund um die Badewanne standen die Pflegeessenzen, die Heißwachsstreifen, die Rasierer und Mittelchen. Keine Tampons, die braucht hier niemand. Das Wasser läuft in das Becken. Ich gehe auf die Waage. 42,737 Kilogramm. „ Scheiße.“ Ich steige runter. Mache eine Notiz an den Wiegezettel, 84 Gramm zugenommen. Körpergröße 1,75 m., BMI stimmt noch. Kein Abendessen heute. Meine Nase blutet noch, rote Tropfen auf den gelben Fliesen. Nebenan höre ich das Klingeln des Telephons. Ich nehme eine Speckfalte zwischen die Finger, betrachte meine Brüste. Gutes Bindegewebe, etwas zu klein. Ich sehe nicht zum Spiegel, sinke dann ins Wasser. Es riecht nach Lavendel. „ Magda.“ Ich höre Hannahs Stimme. „ Ich habe Zeit. Ich sage ihm einfach ab, wenn ich so einen Job kriegen kann. Schließlich weiß er, wie wichtig der Job für mich ist. Er wird das schon verstehen, genau wie als ich nach Paris mußte. Für den Job halt.“ Pro Hannah ist kein Lifestyle, Pro Ana schon, ich denke nur noch an mich. Scheißidee einem Kontrollfreak die Kontrolle abnehmen zu wollen. Ich tauche mit den Ohren ins Wasser, will nichts mehr hören. Spiegelkinder, Modells. Alles wie erwartet. Das Nasenbluten hört auf. Die Gedanken um Hannah auch. Sie hat Träume, noch. Ich lange nicht mehr. Ich habe nur Kontrolle- bis ich auch sie verliere. Aber dann bin ich eine schlanke Leiche, maximal 15 BMI. Aber immerhin besser als BMI 16.

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